Wie geht eigentlich ein „Shared Space“? Kufstein in Tirol hat es ausprobiert!

Bericht von Stefan Manner

Am 24. Mai 2019 trafen wir uns gespannt und neugierig im österreichischen Kufstein zu einer Ortsbegehung zum Thema „Shared Space“ bzw. „Begegnungszone“. Eingeladen hatte Markus Büchler, Landtags-Abgeordneter der Grünen in München-Land, mit dem Schwerpunkt Mobilität. Für Fragen und Antworten stand uns Stefan Hohenauer vom Stadtrat Kufstein zur Verfügung. Er berichtete uns ausgiebig über Planung, Umsetzung der Begegnungszonen in Kufstein, die 2011 aufgrund von hohem Verkehrsaufkommen, Lärm und einer schlechten Aufenthaltsqualität gestartet wurden.

Drei wichtige Merkmale von Begegnungszonen

Alle Verkehrsteilnehmer sind gleichberechtigt: Der Grundgedanke hinter dem Konzept der Begegnungszone liegt in der Aufhebung der Vorfahrtsregelung für Autofahrer und der Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer – ganz gleich, ob Fußgänger, Radfahrer, Kinder oder Erwachsene, alte und junge Leute oder auch Menschen mit Handicap und natürlich der rollende Verkehr (Autos, Busse & Co).

Verkehrsflächen sind einheitlich gestaltet: Es gibt keine Straßenführung, Mittelstreifen, Gehsteige, Ecken oder Kanten. So sollen lineare Strukturen aufgebrochen werden, um den Verkehrsteilnehmern zu zeigen, dass hier etwas Anderes ist und gilt! Dabei kommt durchgehend auf gleichem Niveau neues, wertiges und langlebiges Pflaster zum Einsatz. Es gibt kaum oder nur wenige Asphalt- oder Betonflächen. Ausnahmen sind Erhöhungen bei Bushaltestellen, damit man barrierefrei ein- und aussteigen kann.

Autos sind nicht verboten, müssen sich aber an Spielregeln halten: Es gilt eine Tempobeschränkung auf 20km/h. Dazu kommt ein grundsätzliches Parkverbot mit Ausnahme von ausgewiesenen Bereichen oder Kurzzeit-Parkern (z.B. 15 Min.). Eine Vorfahrtsregel gibt es nicht. Grundsätzlich wird der Verkehr in Begegnungszonen nicht reduziert, das Verkehrsaufkommen bleibt meist gleich.

 

Blick in eine Begegnungszone in Kufstein

Die Ziele von Begegnungszonen

Schaffung von lebenswerten Bereichen!

Erhöhung der Standortattraktivität, vor allem für Erledigungen des täglichen Lebens:

  • Neue Zielwahl der Verkehrsteilnehmer (z.B. Geschäfte & Lokale vor Ort)
  • Bessere Zugänglichkeit (z.B. zu Geschäften, über die Straße …)
  • Mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger

Der Verkehr soll langsamer, aber auch kontinuierlicher fließen, „Stop and Go“ Situationen durch Zebrastreifen oder Ampelanlagen werden vermieden. Der Verkehrslärm wird somit auch leiser!

Fußgänger können zwischen den Autos queren, da diese langsamer unterwegs sind.

Radfahrer dürfen auch entgegen Einbahnstraßen fahren.

Die Anforderungen an die Verkehrsteilnehmer

  • Erhöhte Aufmerksamkeit
  • Gegenseitige Rücksichtnahme
  • Einhalten von Regeln
  • Umstieg auf Rad, öffentliche Verkehrsmittel und zu Fuß

Bedenken und Ängste bei der Einführung

Welche Erfahrungen hat Kufstein bisher mit den Begegnungszonen gemacht? Stefan Hohenauer sparte im Gespräch die Herausforderungen nicht aus. Er erklärte uns, dass es anfänglich nicht einfach war, die Geschäfts- und Lokalinhaber, vor Ort arbeitende Menschen oder auch Eltern und Kinder mit ins Boot zu bekommen. Zur Diskussion standen Existenzängste, Angst vor Mobilitätsverlust oder Unsicherheit und Gefahr auf der Straße, Sorge vor Chaos und vieles mehr. Ob und wie es funktioniert, wusste erstmal keiner! Und nach der ersten Umsetzung gab es auch ein Problem nach dem anderen, was das Ganze fast zum Scheitern gebracht hätte…

Im zweiten Teil lest ihr, wie Kufstein seine Begegnungszonen mit viel Beharrlichkeit und Dialogbereitschaft zu einem Erfolg machte!

 

 

 

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